Brief Friedrich Silchers an den Vorstand des Herrenberger Liederkranzes vom 04. 06. 1845
Euer Wohlgeboren !

benachrichtige ich im Namen des hies. Liedertafelausschusses, daß unsre Gesellschaft etwa 60-70 Mann zum Fest kommen wird. Die Liedertafel selbst besteht eigentlich nur aus 40-50 Mitgliedern, allein über die Dauer des Liederfestes schließen sich auch noch andere Sänger an, u. es kann der Fall fügen, daß es vielleicht 80 werden, was ich Ihnen in möglichster Bälde noch zu wißen thun werde. Vor der Hand sollich wie gesagt, 60-70 melden. Die Liedertafel wünscht zum Quartier den Gasthof zur "Sonne". Für ihr werthes Schreiben meinen besten Dank! Bemerkungen wie die von E. Horst, konnte ich erwarten. Nur wundert mich's, daß über Nr. 5, das ich 2 Töne tiefer setzte, als es z. B. im Bardenhain steht, nichts gesagt wurde. Ich treibe mich nun über 30 Jahre lang mit Männerchören herum u. glaube aus Erfahrung zu handeln, wenn ich dieser oder jener Melodie eine Tonart anweise. Wie viele sind unter einem Liederkranz, welche in C-Dur das hohe G 4 Mal nacheinander in: Feierlich Schalle der..." (Vom hohen Olymp) u. twar stark mit der Brust singen können? Die meisten nehmen es mit der Fistel u. schließt alsdann der Zuhörer die Augen, so glaubt er lauter Knaben- statt Männerstimmen zu hören. Aus diesem Grund habe ich B-Dur gewählt und es wird so nicht einstimmig, sondern immer noch rein 4stimmig und zwar männlich kräftig klingen.

Wird Ihr Chor in der Kirche vom Altar an erhöht? Dies wäre wünschenswerth, denn sonst würden die Sänger immer einander in den Rücken singen, wodurch gewöhnlich alle Wirkung verloren geht. In Hechingen legte man bloß einige Balken - etwas aufwärts gehend - und Bretter darüber. Auch beschäftigt schon lange der Gedanke, ob man auf dem Marktplatz nicht im Zirkel herum, wie die Sänger stehen werden, Balken mit Unterlagen von 1 oder 1 ½ Fuß Höhe legen könnte, so daß die hinteren Sänger ebenfalls den vorderen üb er die Köpfe herein singen könnten. Dies würde wenig kosten, z. B. (Zeichnung). Ihre Zimmerleute werden überüber schon Rath wissen. Gerade im Freien, wo es ohnehin weniger stark klingt, ist's umso wünschenswerter, daß man eine günstige Stellung gewinnt.

Noch einmal möchte ich Ihnen einen weiteren Druckfehler in den Festliedern melden, nähmlich in Nr. 1, 2. Theil, 2. Tenor muß die 10. Note wieder F heißen.
 

Der Himmel sei uns Günstig!
Mit freundlichem Gruss
der Ihrige

gez. Silcher

Tübgn. den 4. Juni 1845 (in großer Eile)
Text übertragen durch Felix Kocher und Herrn Lachenmann, Silchermuseum.


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